Entwicklungsphasen der Honigbiene
Wir teilen den Lebensrhythmus im Jahresverlauf in 6 verschiedene Phasen ein, wobei sich das Volk in jeder Phase anders verhält.
Die erste Entwicklungsphase
Sie beginnt ca. Mitte Februar und dauert bis zum Ende der Weidenblüte.
Steigen die Maximal -Temperaturen innerhalb einer Woche auf + 6° C an, so beginnt die Königin durch den Wärmeanreiz mit der Eiablage. Zuerst einige wenige bis ca. 200 pro Tag.
Steigen die Maximal -Temperaturen auf + 10° C an, könnte sie nun ihre volle Legeleistung von ca. 2000 Eiern pro Tag erbringen, wenn zu dieser Zeit genügend Leerzellen und die entsprechende Volksstärke vorhanden wäre.
Fehlt der Wärmeanreiz durch einen langen Winter, so richten sich die Bienen auch nach der zunehmenden Tageslänge (biologische Uhr).
So wächst das Brutnest langsam aber kontinuierlich an. In dieser Phase können wir am Volk noch keine Veränderungen feststellen, da sich der Abgang der verbrauchten Winterbienen und der Nachschub an Jungbienen die Waage halten.
Wir nennen diese Phase die Umstellung vom Wintervolk zum Sommervolk.
Die zweite Entwicklungsphase
Sie dauert bis zum Ende der Kirschblüte und ist die wichtigste Phase für den Imker. Jetzt schlüpfen mehr Bienen als abgehen, das Volk wird zusehends stärker und muss nun zügig erweitert werden.
Am Ende dieser Phase sollte ein Wirtschaftsvolk ca. 40000 Brutzellen (Das sind ca. 10 Brutwaben) und ebenso viele Bienen haben.
Ist in dieser Zeit keine Tracht, so muss der Imker auf die vorhandene Futtermenge achten (Minimum 5 kg) - Jetzt sollte aufgesetzt werden.
Die depressive Entwicklungsphase oder Schwarmphase
Das Bienenvolk hat nun seinen Höhepunkt, jedoch noch nicht seine größte Volksstärke erreicht. Jetzt ändert sich das Legeverhalten der Königin. Es werden pro Tag nur noch soviel Eier gelegt, als an Flugbienen verloren gehen.
Bei einer guten Tracht hält sich der Abgang an Flugbienen und das Schlüpfen der Jungbienen die Waage. Tritt nun schlechtes Wetter ein, so schlüpfen mehr Bienen als abgehen.
Die Leistung der Königin wird nun gedrosselt, wodurch auch die Königinsubstanz stark verringert wird. Das hat wiederum zur Folge, dass nicht mehr alle Bienen des Volkes mit dieser Substanz versorgt werden und die Eierstöcke der Arbeiterinnen anschwellen. Sie werden zu Afterweiseln und beteiligen sich nicht mehr an den sozialen Arbeiten im Volk. Das Volk wird unharmonisch und setzt Weiselzellen an.
Für den Imker ist es wichtig, diese Phase zu überbrücken. Wenn das Volk seinen Höhepunkt erreicht hat, muss das Gleichgewicht von Brut und Bienen verändert werden. Entweder durch Brutentnahme z.B. Ablegerbildung oder Umhängen über Absperrgitter, oder eine Wegnahme von Bienen zur Kunstschwarmbildung.
Auch eine Trennung der Brut von der Königin durch das Absperrgitter ist möglich. Dem Volk wird vorgetäuscht, es hätte seinen Höhepunkt noch nicht erreicht. Die Königin beginnt wieder mit einer vermehrten Eiablage und der Pheromonspiegel stabilisiert sich wieder.
Die erste Abbauphase
Sie beginnt ca. Mitte Juli. Das äußere Anzeichen ist der Drohnenabtrieb. Das Volk erzeugt zu dieser Zeit seine Winterbienen (Bei der Carnika ca. 4000). Diese Bienen werden durch eine Veränderung des Juvenilhormonspiegels schon als Maden zu Winterbiene vorprogrammiert.
Diese Bienen beteiligen sich nach dem Schlüpfen an keinen Stockarbeiten. Vor allem machen sie keine Brutpflege und haben nur die Aufgabe, sich einen Eiweißpolster anzumästen, um im kommenden Frühjahr die erste Brut aus ihren eigenen Körperreserven aufzuziehen. Aber diese Winterbienen haben noch weitere Fähigkeiten. Sie können bereits bei + 8° C Versorgungsflüge machen um Pollen und Wasser einzutragen.
Sommerbienen können erst ab + 10° C ausfliegen. Deshalb findet man z.B. im März bei kühler Witterung fast keine verklammten Pollensammlerinnen, erst wenn die Winterbienen abgearbeitet sind und die Sommerbienen die Versorgungsflüge übernehmen müssen, findet man haufenweise verklammte Pollensammlerinnen vor den Flugfronten.
Ab dieser Zeit dürfen keine Brutwaben mehr entnommen werden, obwohl noch ca. 20000 Brutzellen vorhanden sind, da man nicht weiß, auf welcher Wabe die für das Volk so wichtigen Winterbienen aufgezogen werden.Das Volk behält in dieser Phase noch seine volle Volksstärke.
Die zweite Abbauphase
Sie beginnt Ende August bis Anfang September. Das Volk reduziert nun seine Volksstärke von ca. 70 bis 80000 Bienen auf eine Überwinterungsstärke von ca. 8 bis 15000 Bienen.
Wir haben nun drei verschiedene Bienentypen im Volk:
- die ca. 4000 echten Winterbienen
- die langlebigen Sommerbienen, die keine Brutpflege mehr machen und
- die kurzlebigen Sommerbienen, die sich durch Brutpflege und Trachtflüge abgearbeitet haben.
Die beiden erstgenannten gehen miteinander in den Winter. Bei den alten Flugbienen (kurzlebige Sommerbienen) ändert sich nun ihr Sammelverhalten. Wurden bis jetzt Spürbienen ausgesandt, die mit voller Honigblase eine ergiebige Trachtquelle suchten und diese zu Hause ihren Schwestern durch einen Tanz mitzuteilen, in welchem Winkel zur Sonne, wie weit entfernt und wie ergiebig die Trachtquelle ist, so nahmen die Rekruten nur so viel Honig mit, um zur Trachtquelle zu kommen, sich dort voll zu saugen und mit voller Honigblase wieder nach Hause zu fliegen (nur so entsteht ein Überschuss).
Diese alten Flugbienen fliegen jetzt mit fast leerer Honigblase aus, um noch irgend etwas Futter zu finden, dass dem Volk zugute kommt. Dies ist auch die Zeit der Räuberei. Finden sie nichts mehr, erstarren sie und bleiben draußen in der freien Natur.
Wer ein guter Naturbeobachter ist, kann um diese Zeit viele erstarrte Bienen auf Disteln, Herbstastern und anderen Herbstblühern finden.
Die Winterruhe
Wird es nun kälter bilden die Bienen eine Kugel (kleinste Oberfläche bei größtem Volumen) und stellen von der Stockheizung auf Kugelheizung um. Das heißt: Die Temperatur der Kugel wird nun so reguliert, dass die Temperatur der Hautbienen nicht unter + 10° C fällt.
Sinken die Außentemperaturen weiter ab, so zieht sich die Kugel immer enger zusammen. Dies geht aber nur bis zu einem bestimmten Punkt und der Kern der Kugel wird nun so weit aufgeheizt, damit die Temperatur der Hautbienen konstant gehalten werden kann.
Fallen im Winter die Temperaturen unter - 15° C, so muss das Innere der Kugel auf +35° C aufgeheizt werden.
Da die Biene recht sparsam ist, beginnt sie in dieser warmen Zone, in der nun Bruttemperaturen herrschen, mit der Anlage eines Brutnestes.
Wird es wieder wärmer, wird die Temperatur wieder runter gefahren, und so lange das kleine Brutnest nur aus Maden besteht, werden diese wieder aufgezehrt, damit kein Eiweiß verloren geht. Halten diese tiefen Temperaturen über 14 Tage an, so ist bereits gedeckelte Brut vorhanden, die nicht mehr aufgezehrt werden kann, da das Eiweiß verbraucht ist.
Nun muss sich das Volk entscheiden: Verlässt es die Brut und zieht dem Futter nach - oder es bleibt auf der Brut sitzen und der Weg zum Futter wird immer länger. Dies wiederum kann dem Volk zum Verhängnis werden.
Die Bienen müssen das Winterfutter auf ca. 18 % Wassergehalt eindicken, damit es nicht in Gärung übergeht und sauer wird, sie können es aber in dieser starken Konsistenz nicht wieder aufnehmen.
Deshalb hat das Volk Fressperioden und Ruheperioden. In den Fressperioden lockert sich die Traube, die Bienen nehmen Futter auf und entdeckeln für die nächste Fressperiode einen Streifen der Waben. Dann zieht sich das Volk zur Ruheperiode wieder zusammen.
Dieser entdeckelte Streifen liegt nun zwischen der warmen Wintertraube und der kalten Stockluft. Es bildet sich ein Niederschlag und der im Futter enthaltene Fruchtzucker, der eine stark hygroskopische Wirkung hat, zieht sogar Wasser aus der feuchten Luft, so dass sich die Oberfläche des entdeckelten Streifens bis zu 30 % Wasser anreichert und bei der nächsten Fressperiode zur Aufnahme wieder zur Verfügung steht.
Deshalb sollten alle traubenzuckerhaltigen und ballastreichen Honige aus dem Wintersitz entfernt werden.
Wenn sich nun wie oben angeführt, die Wintertraube vom Futter entfernt, gibt es durch das fehlende Temperaturgefälle keine Verdünnung an der Oberfläche mehr und das Volk verhungert auf vollen Futterwaben oder anders gesagt, das Volk reißt vom Futter ab.
Das gleiche passiert, wenn eine Haus- oder Feldmaus in eine Beute eindringt. Am heraus fressen von Honigwabenstücken würde kein Volk eingehen. Doch sucht sich die Maus eine Ecke als Toilette und dieser penetrante Geruch treibt die Bienen auf die vollen Futterwaben, von denen sie kein Futter aufnehmen können und verhungern müssen.
Spitzmäuse, die reine Insektenfresser sind und auch unter Naturschutz stehen, haben ein ganz anderes Verhalten. Sie ernähren sich nur vom Totenfall des Bienenvolkes, wenn sie beim Flugloch ungehindert rein- und hinauslaufen können.
Wenn man die Fluglöcher in der Höhe auf 7 mm einengt, so wie es in der älteren Literatur oft zu lesen ist, können sich trotzdem kleinere Exemplare durchzwängen - können aber nach einer ausgiebigen Mahlzeit nicht mehr heraus und fangen nun in der Beute an, herumzurennen.
Dadurch wird die Bienentraube gestört und immer mehr Bienen versuchen den Ruhestörer abzustechen, verklammen jedoch in der kalten Stockluft, so dass die Wintertraube immer kleiner wird und die Spitzmaus den ganzen Winter wie im Paradies lebt. Im Frühjahr ist dann das Volk tot.
Spitzmäuse, die freien Zugang haben, stören die Wintertraube überhaupt nicht, denn sie können keine Biene von der Traube herunterpflücken.
Die Hautbienen sitzen dachziegelartig mit den Stacheln nach außen übereinander. Hauchen Sie mal eine Wintertraube an und Ihnen fahren 100erte von Stacheln entgegen.
Eine Fluglochsicherung im Winter ist anzuraten, jedoch nur mit einem Punkt verschweißten Gitter von 1 cm Durchmesser. Eine Fluglochsicherung gegen Vögel kann mit Vogelnetzen erfolgen, jedoch nicht, wenn Spechte vorhanden sind. Diese verheddern sich in den Netzen und gehen elendiglich zu Grunde. Wenn das ein Förster oder Naturschützer sieht, bekommen Sie eine Anzeige.
Im Winter ist am Bienenstand äußerste Ruhe angesagt. Reibende oder schlagende Äste am Bienenhaus müssen im Herbst abgesägt werden. Auch Katzen sollte der Zugang zum Bienenhaus verwehrt werden.
Stehen Bienenvölker nahe an Bahndämmen, verändert sich das Verhalten der Bienen. Sie können den Fahrplan lernen, außerdem wirkt das Schotterbett als Dämpfung durch die Schallwellenverteilung nach allen Richtungen.
Auch Wanderungen können im Winter durchgeführt werden. Es ist nur darauf zu achten, dass während des Transportes keine harten kurze Stöße erfolgen. Im Winter sollten auch regelmäßige Fluglochkontrollen durchgeführt werden. Vereiste Fluglöcher müssen sofort wieder frei gemacht werden, da die Völker sonst ersticken würden.
Die Bienen atmen wie wir Sauerstoff ein und Kohlensäure aus. Reichert sich die Stockluft mit zu viel Kohlensäure an, schlafen die Bienen einfach ein und erstarren. Findet man solche Völker im Frühjahr, sitzen sie fest in der Wintertraube, sind aber tot.
Völker, bei denen die Bienen mit den Köpfen voran in den Zellen stecken, sind verhungert, auch wenn noch genügend Futter vorhanden ist - nur an der falschen Stelle.
Die Bienen beginnen mit der Winterzehrung in Fluglochnähe und zehren den Wabengassen entlang. Daher muss bei Warmbaubeuten im Herbst das Flugloch an der Seite sein, damit die Zehrung von der einen Seite auf die andere Seite erfolgt. Ist das Flugloch in der Mitte, so zehren sie entweder nach rechts oder nach links und können daher auf einer Seite verhungern, obwohl auf der anderen Seite noch genügend Futter wäre.
Bei einer Zweiraumüberwinterung spielt die Fluglochanordnung keine Rolle, da hier die Völker von unten nach oben zehren.
Verfasser: Wolfgang Kusche, Imkermeister i.R